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Ein Seemannstot

oder
Die Sache mit dem Namensrecht
oder
Vom plötzlichen Auftauchen und Verschwinden einer Sippe





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Im Sterberegister 1913 der Evangelischen Kirchengemeinde Zingst auf dem Darss findet sich folgender Eintrag:

Peter Heinrich von Holdt, geboren am 27.03.1887
in Neufeld
starb am 11.04.1913,
wurde beigesetzt am 15.04.1913 in Zingst.
Die Leiche wurde am Nordstrand von Prerow
angetrieben, sie gehörte zur Besatzung des
Rahschoners "Minna".

Vor dem Friedhof in Zingst wurde als Denkmal ein mit einer Inschrift versehener Findling aufgestellt, der an das tragische Schiffsunglück erinnert.

Gedenkstein zur Erinnerung an die ertrunkenen Seeleute des Rahschoners Minna

Die Inschrift lautet: Zum Gedenken an die am 11. April 1913 bei Darsser Ort ertrunkenen Seeleute des gestrandeten Rahschoners Minna

Erwin Schiltzki Rathenow
Peter v. Holdt Neufeld
Erich Petersen Hamburg

Die zum Denkmal, welches sich in einem tadellos gepflegten Zustand befindet, gehörenden Anker, Kette und Steuerrad stammen von dem gestrandeten Segler. Über den Rahschoner "Minna" war leider über die Schiffsregister bei den Amtsgerichten Hamburg, Stade und Cuxhaven nichts zu erfahren.

Gedenkstein zur Erinnerung an die ertrunkenen Seeleute des Rahschoners Minna - Gesamtansicht

Nachdem wir die vorstehenden Informationen von unserem Mitglied Peter von Holdt, Sassnitz, erhielten, lag es natürlich nahe, zu überprüfen, zu welcher Linie der ertrunkene Seemann gehört. Da nahe der Elbmündung auf deren holsteinischen Ufer ein Ort Neufeld sich befindet, vermuteten wir dort den Wohnort des Verunglückten und in ihm ein Mitglied entweder der Brunsbüttel- oder der Wilster-Linie. Die Sache sollte uns überraschen.

Im Taufregister der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Marne, zu welcher der Ort Neufeld gehört, fanden wir den Geburtseintrag 27.03.1887 des Peter Hinrich von Holdt, der somit eindeutig, trotz der etwas abweichenden Schreibweise des Vornamens mit dem in Zingst genannten Seemann identisch ist. Als Mutter des Täuflings ist die unverehelichte Dienstmagd Marie von Holdt in Neufeld genannt. Der Name des Vaters des Kindes ist nicht angegeben.
Hierzu ist anzumerken, daß in standesamtlicher Zeit - nach dem 01.10.1874 sind die Standesämter für die Personenstandsbeurkundungen zuständig - uneheliche Kinder den Namen der Mutter erhielten, wie es auch heute noch ülich ist. Früher wurde in jedem Fall der Name des Erzeugers verwendet wie wir gleich noch sehen werden.
Natürlich wollten wir wissen, zu welcher Linie die Mutter des unehelichen Kindes gehörte, denn eine unverheiratete Marie von Holdt gab es in dem in Frage kommenden Zeitraum weder, soweit bekannt, in der Brunsbüttel- noch in der Wilster-Linie.
Das Rätsel löste sich mit dem ebenfalls in den Marner Kirchenbüchern aufgefundenen Taufeintrag der Maria von Holdt. Der Eintrag lautet:

Anno 1864
Num.(erus) baptism.(atorum):140
Dies nat.(ivitatis): August 30.
Dies baptismi: Septe.(mber) 18.
Aet.(as) matr.(is = Alter der Mutter): 34 (Jahre)
hat des weil.(and) Arbeitsm.(annes) Johann Thomsen
in Groden, Kirchsp.(iels) Brunsbüttel T.(ochter)
Mathilde bei Neufeld ein unehel.(iches) Kind,
eine T.(ochter) pr.(ima) v.(ece=zum 1.Mal) geboren.
Nach Aussage der Hebamme Volquardsen in Marne hat
sie zum Vater des Kindes ausgesetzt einen gewissen
ihr völlig unbekannten von Holdt,
der sich ihr selbst als solchen genannt hat,
als er sie nothzüchtigte.
Die Stuprata (=Schwangere) hat die letzten 10 Monate
vor ihrer Entbindung ihren Aufenthalt bei
Ihrer Mutter, der Witwe Thomsen bei Neufeld gehabt
Name des Kindes: Maria (von Holdt)
[Folgen Namen der Paten]

In seinem Begleitschreiben zur Übersendung des vorstehenden Kirchenbucheintrages schreibt uns der Herr Pastor em. Kurt Segebrecht, Marne, folgendes:
"Leider wissen wir den Vornamen dieses Herrn von Holdt nicht. Obwohl der Name hier gelegentlich vorkommt, wird er doch wahrscheinlich von auswärts hierher gekommen sein; denn hier kennen sich die Menschen ". Es ist wohl nahezu ausgeschlossen, den Namen des Erzeugers der späteren unehelichen Mutter Maria von Holdt herausfinden zu wollen. Wie schrieb mir doch Ernst-Werner Beken, der sich auch mit der Nachsuche befaßt hatte, in seiner erfrischenden unnachahmlichen Art, "Da hat doch einer Deiner Seeräuber die arme Mathilde vergewaltigt. Wer das gewesen ist, läßt sich wohl kaum noch feststellen. Es wäre sicher interessant zu wissen, ob Peter Hinrich um 1910 in Marne oder Brunsbüttel geheiratet hat, denn er scheint ja von seiner Geburt bis zun Schiffsuntergang in Neufeld gewohnt zu haben. Nun such man schön!, denn für mich ist der Fall erledigt, da Peter Hinrich eindeutig nicht zur Wilster-Linie gehört."
Obwohl in einem Fall, wie dem vorstehend geschilderten, die Zugehörigkeit der Personen zu einer bestimmten Linie nicht bestimmt werden kann, werde ich in geeigneter Weise eine Aufnahme in die von mir bearbeitete Brunsbüttel-Linie vornehmen.
Bemerkenswert aber an der Geschichte empfinde ich den Umstand, wie zu verschiedenen Zeiten unehelich geborene Kinder ihren Familiennamen erhielten.

Peter J. von Holdt, Tungeln


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