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Heinrich von Holten

Erzieher mit Herz und Gewissen





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Im Deutschland des Anfangs der zwanziger Jahre gab es bei weitem nicht so viele offene Stellen an Schulen wie Lehramtskandidaten. Auch Heinrich von Holten bewarb sich vergebens. Er hatte ja nicht den Lehrerberuf gewählt, um seine Zeit in Behörden zu verbringen, wo er u.a. mit der Berechnung von Gehältern beschäftigt wurde. Außerdem hatte sein Arzt ihm generell geraten, das rauhe Klima Norddeutschlands gegen ein wärmeres zu vertauschen. Darum liegt die Vermutung nahe, dass sein Freund und Kollege Klaus Schröder, der (ebenfalls aus Stade) am 15.11.1922 die Lehrerstelle an der deutschen Schule in Philippi antrat, schon die Absicht mitbrachte, sich nach einer ähnlichen Gelegenheit für ihn umzusehen. Bereits am 1.4.1923 unterschrieben Dr. E. Lübbert, 1. Vorsitzender des Vorstands der DSMS, und Heinrich von Holten in Hamburg den Vertrag, durch den er sich für fünf Jahre nach Kapstadt verpflichtete.

Vertrag

Sein Reisetagebuch berichtet von einer ruhigen Überfahrt auf der Usaramo, hält außer den üblichen Beobachtungen als besonders bemerkenswert fest, "was man in Lüderitzbucht sieht; nicht einmal Kartoffeln und Gemüse können die Leute dort anbauen ... ", schildert die Ankunft in Kapstadt: "Ein prächtiger, erhebender Anblick. Alles, was ich von Kapstadt in Bezug auf Schönheit der Lage erhofft hatte, erfüllte sich." Dass Klaus Schröder am Ufer stand, erweckte nicht nur Wiedersehensfreude, sondern "war es doch ein angenehmes Gefühl für mich, in der Fremde nicht ganz allein dazustehen"; und sein erster Abend in Afrika sieht Heinrich von Holten auf einer Bauernhochzeit in der Vlakte.

Einige an Wochenenden unternommene Ausflüge sind aufgezeichnet, als letzter die Unternehmung vom 30.9.?2.10.1923, die hier im Wortlaut wiedergegeben wird nicht nur, weil sie uns den 23-jährigen von Holten vorstellt, sondern auch, da sie einen interessanten Rückblick darauf erlaubt, wie mühsam vor 60 Jahren war, was heute Fahrziel für einen schönen Sonntagnachmittag ist:

REISE nach CAPE POINT (30.9. - 2.10.23)

Bereits im August war im Männer- und Jünglingsverein der Gedanke laut geworden, einen Ausflug nach Cape Point zu unternehmen. Mit Begeisterung wurde der Gedanke von den Wanderlustigen aufgenommen und bereits bei der letzten Tafelbergpartie wurde das Kap mit besonders sehnsüchtigen Blicken von denen, die es noch nie in der Nähe gesehen hatten, betrachtet. Am Sonnabend, d. 30. Sept. nachm. 4:38 sollte es losgehen. Treffpunkt 4:20 unter der Bahnhofsuhr. Bis Simonstown wollten wir die Bahn benutzen und dann auf Schusters Rappen zum Point und auf anderem Wege nach Simonstown zurück. Soweit der Plan in großen Umrissen, über Einzelheiten hoffte man sich im Hinblick auf die nicht allzu kriegerisch veranlagten Teilnehmer später auf dem Wege zu einigen. Alles war also klar bis auf den Himmel, der am Sonnabendmorgen äußerst trübe auf Kapstadt herabblickte. Kräftige Regenschauer schienen unseren Unternehmungsgeist prüfen zu wollen, bis das Wetter am Mittag mehr und mehr aufklarte und uns mit neuer Hoffnung erfüllte. Einige Stunden nach Mittag kam die Sonne durch und jetzt hieß es: packen und auf nach dem Bahnhofe. 9 Mann waren bereit, die beiden nächsten Nächte auf ein weiches, warmes Bett, eine der besten Errungenschaften der Kultur, zu verzichten.

Mit vollgepackten Rucksäcken, Proviant, Kochgeräte, Bratpfannen, Becher u. dgl. Sachen enthaltend, geht's in den Zug nach Simonstown. Man hört von verschiedenen Seiten Prophezeiungen über das Wetter: das Barometer steigt, es muss also gut werden. Die Vlakte fliegt an unseren Augen vorüber. Bald ist Muizenberg erreicht. Enttäuschung meinerseits über das Stadtbild, das keineswegs dem von Deutschland überkommenen Begriff eines Seebades entspricht. Verbaute Straßen u. krumme Nasen, weiter sieht man nicht viel. Nicht allzu lange dauert es, bis wir Simonstown erreicht haben. Es ist gegen 6 Uhr abends. jetzt beginnt unser Marsch. Bei Anbruch der Dunkelheit wird ein idealer Platz zum Kaffeekochen entdeckt. Hier wird kurze Rast gemacht, die Glieder werden für kommende Anstrengungen gestärkt. Nachdem alles gesättigt ist, geht's weiter, Kühn und Dehning an der Spitze, Stelzner und Fribus sichern gegen Überraschungen von hinten. Bei klarem Sternenhimmel geht's am Meere entlang durch die Nacht dem Kap entgegen. Die kleine Truppe hat sich in Rotten von 2?3 Mann aufgelöst. Man hört hier und dort populäre Philosophie über Himmel, Erde und Menschen. Man schaut nach »baboons«, die reichlich am Kap vorhanden sein sollen, aus, aber keiner dieser unserer nächsten Verwandten schenkt uns die Ehre, sein schönes Antlitz betrachten zu können.

Gegen Mitternacht wird nach einem Ruheplatz ausgeschaut, wir haben uns der Spitze der Halbinsel inzwischen bis auf etwa eine Wegstunde genähert. Die Brise wird immer frischer. Schließlich finden wir ein Gebüsch nahe am Wege, das einigermaßen Schutz gegen die gröbsten Schikanen des Windes zu geben verspricht. Der Mond steht bereits ziemlich hoch am Himmel und lächelt auf die einsame Felslandschaft und unser kärgliches Lager herab, als ob er über die Wagehälse, die zu so früher Jahreszeit bereits im Freien übernachten wollten, spöttelte. Einstweilen aber lachen wir, denn wir haben uns mit Decken und Mänteln wohl versorgt, wickeln uns nach allen Regeln der Kunst darin ein und beabsichtigen zu schlafen. Einige von uns probierten auch den Brandy, den wir für alle Eventualitäten mitgenommen hatten. Was dieser Brandy sich nicht alles von den Menschen gefallen lassen muss! Zuerst wird er willkommen mit Wohlbehagen verschlungen und nachher, wenn seine mehr oder weniger guten Wirkungen sich zeigen, wird er beschimpft und herabgewürdigt. So auch hier. Er soll vortrefflich geschmeckt haben, aber bereits nach einer halben Stunde macht Herr Stelzner ihn für seine Schlaflosigkeit verantwortlich. Man hörte, selbst schon halb im Schlaf, noch etwas von elendem Fusel, Schlafstörung usw. und einen vor Zorn über die schlechten Eigenschaften des Schnapses aufstehenden Nachtwandler. Bald, nachdem Herr Stelzner mit Mühe und Not nach seinem nächtlichen Spaziergang die Truppe wiedergefunden hat, hört man außer dem Schnarchen des jungen Fribus keinen Laut im Lager. Ab und zu nur wälzt sich dieser oder jener von der einen auf die andere Seite, um dem immer stärker und kühler werdenden Winde eine andere Angriffsfläche zu bieten. Um 4 Uhr allgemeine Beschwerden über den unerträglich kalten Morgenwind und daraufhin allgemeines Wecken, Feueranmachen, Kaffeekochen, Morgenimbiss und Aufbruch.

Nach reichlich einstündigem Marsche erreichen wir Cape Point bei Sonnenaufgang. Nachdem ein Lagerplatz gefunden war, machen wir uns daran, etwas für unsere Pfanne zu fangen. 2 Wächter (H. Kronenberg und Fritz Fribus), die jedoch mehr geschlafen als gewacht haben sollen, blieben zur Beobachtung unserer im Rucksack verborgenen kostbaren Schätze zurück, während wir Übrigen uns mit Angelhaken, Schnur und Stock bewaffneten, um den Ind. Ozean um eine Mahlzeit Fische zu berauben. Wir kletterten die Felswand hinunter, befestigten die Angeln an den Schnüren und malten uns dabei im Geiste schon aus, wie prächtig die Fische am Mittag munden würden. Allein auch hier galt das Sprichwort: man soll das Fell des Bären nicht verkaufen, bevor man es hat. Nachdem wir eine Zeitlang ohne jeden »greifbaren« Erfolg gefischt hatten, zogen wir wie die enttäuschten jünger Jesu mit langen Gesichtern und knurrendem Magen wieder ab. Wir mussten uns wohl oder übel mit unserm alltäglichen Essen begnügen.

Nach stärkender Mahlzeit statteten wir, wiederum unter Zurücklassung zweier Schläfer, diesmal H. Dehning u. Herr Stelzner, dem Atlantischen einen Besuch ab. Es ist herrlich dort unten. Wir legen uns in den weißen Muschelsand, lassen uns von der lieben Sonne, die nunmehr ihren höchsten Stand erreicht hat, bescheinen und ergötzen uns an dem Branden der Wogen und ihrem hochaufspritzenden Gischt. Dies erhabene Schauspiel der Wellen ist so recht geeignet, den Menschen seine Ohnmacht gegenüber solchen Naturgewalten empfinden zu lassen. Nachdem wir die einfach großartige Szenerie ein Stündchen auf unser Gemüt hatten wirken lassen, erinnerten wir uns, dass wir eigentlich doch unsere Kameras mitgeschleppt hatten, um Bilder wie diese für später festzuhalten. Nachdem unsere Apparate mit vieler Mühe vom Lagerplatz geholt waren, begann die Photographenarbeit. Geschäftig wurden die schönsten Szenen auf die Platte gebracht. Dann kletterten wir an den Sanddünen empor und erreichten wieder unsern Ruheplatz mit den zurückgebliebenen Wächtern (lies Schläfern). Herr Stelzner meinte, nachdem wir unser Mittagsmahl, das in der Einbildung noch immer aus Fischen bestand, beendet hatten, dass jetzt eigentlich die beste Zeit zum Schlafen sei. Ohne irgendetwas Arges zu ahnen, legte er sich auf seine Decke, um die wohlverdiente Mittagsruhe zu genießen. Close ist anderer Ansicht über die Nützlichkeit eines Mittagsschläfchens. Er meint vielmehr, jetzt sei es Zeit, Bubenstreiche a la Max und Moritz zu verüben und dem Schläfer die Ruhe zu stören. Ein langes Band wurde konstruiert, an einem Zipfel der Stelznerschen Decke befestigt und, nachdem die ganze Lagergesellschaft sich hinter Büschen verkrochen hatte, wurde ruck! ruck! ruck! dem ahnungslosen Schläfer die Decke langsam aber sicher unterm Kopfe zum Gaudium aller beteiligten und unbeteiligten Zuschauer weggezogen. Wenn man gerade von einem schönen Gläschen Schnaps träumt, dann ist eine derartige gewaltsame Zurückführung in die nüchterne Wirklichkeit für den betr. Träumer sicher eine unangenehme Störung. Angesichts solcher Schikanen getraute sich jetzt niemand mehr, seine Augen zu schließen, und so fassten wir denn bald den Entschluss, den beiden Leuchttürmen an der Spitze einen Besuch abzustatten.

Nachdem wir unsere Namen in einer Art Fremdenbuch verewigt und wir vom Wärter die Erlaubnis erhalten hatten, unter sachkundiger Führung auch den neuen Leuchtturm zu besichtigen, ging's zum Entsetzen unserer Familienoberhäupter, der Herren Fribus und Stelzner, steile Holztreppen mit insgesamt 207 Stufen hinunter. Ein Ingenieur erklärte uns die Einrichtung des Leuchtturms, dessen Prismengläser peinlich sauber gehalten werden, um die Leuchtkraft nicht zu schwächen. Nach interessanten Belehrungen traten wir auf demselben schwindelerregenden Stufenwege den Rückmarsch zum alten Leuchtturm an. Nachdem wir uns dort vergewissert hatten, dass für die folgende Nacht kein Raum für uns in der Herberge sei, sagten wir dem schönen Kap Lebewohl und traten gegen 6 Uhr den Heimmarsch an, um eine passende Lagerstätte im Freien zu finden. Wir hatten Glück. Bald trafen wir einen Weißen und 2 Malaien, die uns zu einer Höhle führten, wo sie selbst ebenfalls übernachten wollten. Dem »tapferen« Mr Malone scheint dabei sofort der Gedanke an einen geplanten Überfall der 3 durch den Sinn gefahren zu sein. jedenfalls wurde am anderen Morgen behauptet, dass er noch spät am Abend, als schon alles schlief, offenen Auges auf alle Eventualitäten gefasst gewesen sein soll. Bei solcher Wachsamkeit unsererseits würde den 3en ein Überfall auf uns 9 doch wohl etwas übel bekommen sein. Aber die dachten wahrscheinlich mehr an Schlafen als an Überfall; denn bald sollen Sägegeräusche aus allen Ecken der Höhle vernommen worden sein.

Alles verlief ohne Zwischenfall, bis sich gegen 1 Uhr ein »Aufstand« ereignete. Poor Mr Fribus war derartig vom kalten Zugwind belästigt worden, dass er kurz entschlossen und das Übel an der Wurzel packend, aufstand, sich ein Feuer anmachte und eine Tasse Kaffee kochte, um die zitternden Glieder etwas wieder zu erwärmen. Gegen 4 Uhr erhob sich wiederum ein >Aufstand(, diesmal in größerem Maßstabe. Durstige und Frierende verbündeten sich, um Durst und Morgenkälte durch Erwärmung der Glieder und Eingeweide mit Hilfe von Feuer und Rum zu vertreiben. Obwohl am nächsten Morgen von den Durstgeplagten, die sich am frühen Morgen den Durst durch einen steifen Grog vertrieben hatten, behauptet wurde, laut nach anderen Durstigen gefragt zu haben, muss man ihnen das sicher nachrühmen, dass sie eine rührende Sorgfalt bei der Zubereitung ihres Tropfens an den Tag gelegt haben, um niemandem die Nachtruhe zu stören. Möglicherweise hätte ja dieser oder jener unter den Schläfern auch noch Appetit verspürt und der Anteil wäre immer mehr zusammengeschrumpft. Aber, schließlich, was liegt daran, ob man seinen Grog ein paar Stunden früher oder später erhält! Bei Sonnenaufgang lässt er sich auch noch ohne Prügel verdauen.

Gegen 6 Uhr war allgemeines Wecken und nun kamen auch die Schläfer hinsichtlich des Grogs auf ihre Rechnung, und niemand unter ihnen hat wohl in diesem Augenblick diejenigen, die ihren Schluck schon weg hatten, beneidet. jedenfalls hörte man überall nur Worte des Lobes über die guten Eigenschaften dieses Wärmespenders. Eine Tasse Kakao soll allerdings auch ohne Strafe zu trinken sein, besonders am frühen Morgen, aber wenn jemandem 2mal das Wasser vergeblich im Munde zusammenläuft, dann ist beim 3. Male das schöne Aroma durch die Vorfreude schon bedeutend verwässert. 2mal war unser Kakao glücklich zum Kochen gebracht worden, 2mal wurde das Blech umgeworfen und das schöne Nass bis auf einen kärglichen Rest verschüttet. Erst beim 3. Male wurden auch die letzten Durstigen abgefunden. Nachdem wir unser Gemüt durch den schönen Anblick des Sonnenaufgangs, unseren Magen durch ein kräftiges Frühstück erfrischt hatten, brachen wir gegen 9 Uhr von der Höhle auf, um auf demselben Wege, den wir in der ersten Nacht benutzt hatten, wieder nach Simonstown zurückzukehren. Erst jetzt war es uns möglich, die Schönheiten der Landschaft, die wir auf dem Hinwege im Halbdunkel des Mondenscheins passiert hatten, zu würdigen. Dieser Umstand bestimmte uns, denselben Rückweg zu wählen. Mit kurzen Unterbrechungen und in langsamem Tempo marschierten wir etwa 7 Stunden, old Mr Fribus jetzt häufig an der Spitze. Ob die Gewohnheiten alter Droschkengäule, die zu laufen beginnen, wenn ihnen der Stall auf dem Heimwege wieder winkt, auch bei Menschen vorhanden sind, wie Herr Stelzner es behaupten wollte, zu beurteilen, will ich dem Leser überlassen. Herr Stelzner ist jedenfalls seinem Grundsatz: wer langsam geht, kommt auch zum Ziel, bis zur Wiederankunft in Simonstown, die nachmittags gegen 4 Uhr erfolgte, treu geblieben.

Kein Wunder, dass die Eintragungen hier enden. In der Schule wurde von Holten mit Aufgaben überhäuft: zu dem wahrhaft vollen Stundenplan kam der jahrelange Kampf um die Erhaltung der DSMS, der Versuch, sie durch Erhöhung der Leistung attraktiver zu machen, mehr Schüler anzuziehen. Auch der deutschen Sprache, deren Kenntnis bei den meisten Kindern der Kriegs? und ersten Nachkriegszeit kümmerlich war, konnte er nur behutsam und ganz allmählich wieder zu ihrem Platz im Fundament der Schule verhelfen. Unversehens wuchs von Holten in die Stellung des Schulleiters hinein; außerdem schrieb er sich an der University of Cape Town ein, nicht nur um sein Englisch zu verbessern, sondern vor allem, um seine Ausbildung zu vervollständigen durch Erlangung des Titels »Bachelor of Arts«, der ihm nach 3 1/2 jährigem Studium am 19.12.1929 zuerkannt wurde.

Auch der Deutschlandurlaub im Jahre 1936 diente höchstens am Rande einem Besuch der Olympiade. "Mir wurde im Hinblick auf meine längere Abwesenheit von Deutschland und mein mangelndes Verständnis für die damalige politische Richtung empfohlen, mich durch einen längeren Deutschlandaufenthalt schulisch und politisch neu zu orientieren." Diesen Urlaub nutzte von Holten dazu, nach vier Monate lang erteiltem Unterricht an einer Schule in Schleswig seine 2. Lehrerprüfung abzulegen, um endlich die behördlicherseits anerkannte mit seiner tatsächlichen Qualifikation in Einklang zu bringen.

Über die Arbeit Heinrich von Holtens in der DSMS, über die Aufzeichnungen von seiner eigenen Hand praktisch nicht vorhanden sind, könnte niemand besser Zeugnis ablegen als Frau Erika Schmidt:

Dies soll kein Lebenslauf eines geschätzten Lehrers und Kollegen sein, sondern ich will nur einige Erinnerungen festhalten an eine Bekanntschaft, die sich über fast fünf Jahrzehnte erstreckte.

Ich lernte Hein von Holten kennen, als ich im Jahre 1924 an die Deutsche St. Martini Schule in der Queen Victoria Street kam. Wir Mädchen, ich war damals in Std. IV, schwärmten alle für den jungen Schulleiter ? er war 23 Jahre alt ? mit den Locken und dem spitzbübischen Lächeln. Er war noch Junggeselle und wohnte bei Krützfelds in der Woodside Road.

Schule

Die Schule war damals noch klein; wenn ich mich recht erinnere, waren wir zusammen nur ungefähr 65 Schüler, die von drei Lehrern unterrichtet wurden. Fräulein Hildegard Marx hatte die Kleinen: Sub A und B und Std. 1 und 11 in einem Klassenraum. In zwei weiteren Räumen waren Std. 111 + IV und Std. V + VI untergebracht. Herr von Holten unterrichtete Deutsch, Rechnen und alle deutschsprachigen Fächer in diesen vier Klassen, und ein alter Engländer, Mr Crankshaw, Englisch und die englischen Fächer.

Ich glaube nicht, dass diese Lehrer je eine Freistunde hatten, und der ganze Papierkram, der auch bei der kleinsten Schule erledigt werden muss, wartete nach den Unterrichtsstunden auf den Schulleiter. Bis die Schule 1961 nach Tamboerskloof umzog, hatte Herr von Holten keine Sekretärin.

Ob es 1924/25 schon einen jährlichen Schulbasar gab, weiß ich nicht mehr, auch hatte die Schule keine eigene Schuluniform und kein Wappen. Diese Tatsache empfanden wir Schülerinnen besonders schmerzlich, als 1925 der Prince of Wales Kapstadt besuchte und die Schüler der verschiedenen Schulen auf beiden Seiten der Government Avenue Spalier stehen mussten. Wir als einzige Schule hatten keine Schulfarben, keinen farbigen Schlips, kein buntes Hutband, nur einen dunkelblauen »girdle« zum dunkelblauen »gym«. Wir hatten vor dem großen Ereignis Herrn von Holten gebeten, uns Schulfarben zu besorgen; wir fühlten uns minderwertig, ein unglücklicher Haufen inmitten der anderen Schüler, die zeigen konnten, zu welcher Schule sie gehörten. Wir ahnten natürlich nicht, dass so etwas nicht von heute auf morgen beschafft werden kann. Es hat dann auch noch zwanzig Jahre gedauert, bis dieser Wunsch, der in Schülerherzen keimte, Wirklichkeit wurde.

Am lebhaftesten kann ich mich an einen Schulausflug erinnern, an dem die ganze Schule teilnahm. Es muss im Herbst gewesen sein, denn ich höre uns noch durch die trockenen Eichenblätter rascheln auf dem Weg vom Newlands Bahnhof nach Kirstenbosch.

Vor der täglichen Rechenstunde bei Herrn von Holten hatten einige von uns Angst; er fing nämlich jede Stunde mit Kopfrechnen an, und die Fragen wurden kreuz und quer durch die Klasse gefeuert. Weh dem, der nicht sofort die richtige Antwort zurückschoss! Unaufmerksame Schüler wurden mit einem wohlgezielten Stückchen Kreide hochgeschreckt. Am schlimmsten war's, wenn man an den kurzen Schläfenhaaren von der Bank hochgezogen wurde. Der Rohrstock wurde auch öfter für die Jungs aus dem Schrank im Schulleiterzimmer hervorgeholt, aber nachgetragen wurde dem Schulleiter die Strafe nicht; sie war bestimmt verdient.

Ich blieb nur bis Ende 1925 an der St. Martini Schule, da meine Eltern nach Südwest zogen, und ich dann bis zum Matrik die Höhere Schule in Swakopmund besuchte.

Gegen Ende meiner Lehrerausbildung an der Kapstädter Universität erkundigte sich Professor Burger bei Herrn von Holten, ob er fürs letzte Vierteljahr eine deutsche Studentin als »Student teacher« aufnehmen würde. So kam ich 1935 zum zweitenmal an die St. Martini Schule, nicht ahnend, dass ich, mit einigen kürzeren Unterbrechungen, bis 1972 - sieben Jahre nach Hein von Holtens Tod - mit ihr verbunden bleiben würde. Ich wurde 1936 als Lehrerin angestellt und war nun nicht mehr Schülerin, sondern unerfahrene Kollegin.

Die Schülerzahl hatte sich in den zehn Jahren verdoppelt; die Schule ging jetzt bis Std. VIII; es wurde das öffentliche junior Certificate geschrieben und aus den drei Lehrern waren acht geworden. Unsere JC-Ergebnisse waren mit die besten in der Kapprovinz und wurden lobend in den Tageszeitungen erwähnt.

Das Kollegium glich einer großen Familie, die harmonisch zusammenarbeitete zum Wohle der Schule. Allen voran schritt Herr von Holten, dem keine Arbeit zu viel war und der für jeden Zeit hatte. So lange ich mit ihm an der Schule war, hat er nicht einen Tag krankheitshalber gefehlt. Er klagte nie, obgleich ihm sicher oft die Arbeit über dem Kopf zusammenschlug, musste er doch fürs neue Schuljahr planen, Stundenpläne aufstellen, Briefe beantworten und schreiben, den jährlichen Basar organisieren und mit dem Hut in der Hand Geschäftsleute um Spenden für die Schule bitten. Wir waren auf Spenden, Basareinnahmen usw. neben den Schulgeldern angewiesen. In seinen Anfangsjahren ist Herr von Holten sogar mit Pastor Hoberg zusammen von einer deutschen Familie zur anderen gezogen, um Schüler für die Schule zu werben.

Einen Ausgleich für die unermüdliche Arbeit an der Schule fand er im Tennis? und Skatspiel. Er war ein fanatischer Tennisspieler, der fast jeden Samstagnachmittag auf dem Tennisplatz in Tamboerskloof zu finden war; und Freitag abends wurde Skat gedroschen.

Die Zeitung las er jeden Morgen auf dem Schulweg. Meine jüngste Schwester und ihre Freundin staunten immer, dass er, ohne aufzublicken, den Weg in die Schule fand. Bei dem heutigen Verkehr wäre so etwas unmöglich.

In den dreißiger Jahren unterrichteten auch jeweils zwei Lehrer aus Deutschland an der Schule. Ich erinnere mich an Herrn Heitzelmann und Richard Beck, der 1936 Herrn von Holten vertrat, als er die Olympischen Spiele besuchte. Heitzelmann wurde von H. Kirchner abgelöst, und als Richard Beck Anfang 1937 nach Deutschland zurückkehrte, kam Rudolf Schmidt, den ich 1939 heiratete, an seine Stelle. 1938 löste Georg Dühlmeier H. Kirchner ab und blieb bis Ende 1962 an der Schule.

Die Schule gedieh und die Schülerzahl wuchs, bis 1939 der 2. Weltkrieg ausbrach. Das war ein empfindlicher Schlag für die Schule. Am 13. Dezember 1939 wurden Hein von Holten, Rudolf Schmidt, Georg Dühlmeier, Walter König und Pastor Hoberg zusammen mit vielen anderen Deutschen interniert. Zum Glück hatten die Weihnachtsferien schon begonnen, aber der Schulanfang 1940 stellte den Schulverein und das Kollegium vor große Probleme. Die beiden Oberklassen Std. VII und VIII wurden zeitweilig geschlossen, und Mrs C. Jacobs, die damals schon mehr als zehn Jahre an der Schule unterrichtete und eine ausgezeichnete Lehrerin war, übernahm die Leitung. Ich möchte hier einflechten, dass Mrs C Jacobs vierzig Jahre lang der Schule treu diente und sich erst 1969 zur Ruhe setzte, als sie schon 70 Jahre alt war. Wir Lehrer mussten zusätzlich Fächer übernehmen, für die wir gar nicht ausgebildet waren. Ich musste z.B. »Physical Science« und »Biology« unterrichten, Fächer, die ich nur von meiner Schulzeit her kannte. Aber mit gutem Willen geht alles, man muss sich nur hineinknien.

Heinrich von Holten

Zum Glück dauerte die Internierung von Herrn von Holten und Pastor Hoberg nur knapp vier Monate. Zum II. Quartal war unser Schulleiter wieder da.

Langsam erholte sich die Schule wieder, andere Lehrer wurden gefunden, natürlich keine aus Deutschland entsandten. Wir haben es wohl Herrn von Holtens Ansehen und dem Einfluss der Herren vom Schulvorstand zu verdanken, dass die Schule während der sechs Kriegjahre nicht geschlossen wurde, sondern unbehelligt weiter deutsche und deutschsprachige Kinder unterrichten durfte.

Ehe ich Anfang 1953 für die nächsten zwanzig Jahre an die Schule zurückkehrte, gab ich noch zwei kurze Gastrollen. Ich sprang für etwas mehr als ein Jahr ein, als Herr W. König 1948 nach Windhoek ging, und ich vertrat Herrn von Holten während seines Deutschlandurlaubs 1952.

Durch einen anschwellenden Zustrom von Deutschen wuchs die Schülerzahl zusehends, und das alte Gebäude platzte aus allen Nähten und wurde immer baufälliger. Die Basare mussten in den Deutschen Club verlegt werden, da Mittagstisch und Abschlussball nicht mehr im Saal im 1. Stock stattfinden konnten wegen Einsturzgefahr.

Nach vielen Besprechungen und Verhandlungen wurde 1960 mit dem Bau der neuen Deutschen Schule in Tamboerskloof, den Bonn finanzierte, begonnen. Der Einzug in das schöne, so herrlich gelegene neue Gebäude Anfang 1961 brachte einen erneuten Zustrom von Schülern; neue Lehrer kamen aus Deutschland. Es dauerte gar nicht lange, da war das Lehrerzimmer zu klein für das große Kollegium. Dieser Einzug war das Ende der Deutschen St. Martini Schule und der Beginn der DSK.

Es war Hein von Holten nicht vergönnt, noch lange an der DSK zu unterrichten. Als er 1963 nach vierzigjähriger segensreicher Tätigkeit die Leitung einem jüngeren Kollegen, Herrn Gerhard Kiehn, übergab, aber doch noch, da er es nicht lassen konnte, einige Rechenstunden übernahm, ahnte wohl keiner, auch er nicht, dass er ein kranker Mann war. Er hatte sich im unermüdlichen, selbstlosen Dienst an der Schule, die sein Lebenswerk war, verausgabt. Sein Herz machte nicht mehr mit.

Als wir am 16. September 1965 Hein von Holten zu Grabe trugen, verlor die Deutsche Schule ihren besten Freund.

Wenn ich nach einem Abstand von fast zehn Jahren an meine Verbundenheit mit der Deutschen Schule als Lehrerin zurückdenke - von Ende 1935 bis einschließlich 1972 - muss ich gestehen, dass die glücklichsten Jahre meiner Lehrtätigkeit die waren, die ich mit Hein von Holten als Schulleiter an der alten St. Martini Schule in der Queen Victoria Street verlebte. Das schöne Gebäude, die moderne Ausstattung und die einmalige Aussicht über Kapstadt sind kein Ersatz für selbstlose, aufopfernde, harmonische Zusammenarbeit für die Förderung des Deutschtums im Ausland, für die Hein von Holten das Verdienstkreuz von Bonn erhalten hat.

Erika Schmidt-Debertshäuser

Heinrich von Holten ist 40 Jahre lang so eng mit unserer Schule verwachsen gewesen, dass eine Erinnerung an ihn, die nicht auch deren Geschichte wäre, undenkbar ist. Zum Abschied von der alten DSMS sagte er: "Unsere deutschen Schulen wenden sich an die Idealisten unter den Lehrern und Idealisten unter den Eltern. Nur mit Idealismus konnte auch unsere Schule 77 Jahre lang bestehen. Möge unsere neue Schule das bleiben, was die alte bisher gewesen ist: ein treuer Vorposten und eine Pflegestätte deutscher Sprache und Kultur, in der die Schüler wie bisher zu guten und wertvollen Bürgern ihrer neuen Heimat Südafrika erzogen werden."

Quelle: 100 Jahre Deutsche Schule Kapstadt
Herausgeber: Deutscher Schulverein Kapstadt, Mai 1983
Redaktionsleitung und diverse Artikel: Ingrid Fischer-Buder
ISBN 0 620 06772 1

Homepage: Deutsche Schule Kapstadt



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