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Johann Friedrich von Holt

Ein Lotse aus der Brunsbüttel-Linie





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Es ist schon erstaunlich, wieviele Seefahrer und Schiffer aus den im Niederelberaum und an der Nordseeküste ansässigen Sippen der von Holte hervorgingen und es wirft einen die verklärende Romantik beiseite schiebenden Blick auf diesen Beruf, wenn man sich verdeutlicht, wieviele Seeleute vor allem in früheren Zeiten Opfer ihres Berufes wurden. Von einem von Ihnen soll hier berichtet werden.

Sein Name war Johann Friedrich von Holt und er entstammte einem sich schon seit Generationen der Schifferei verschrieben habenden Zweig der Brunsbüttel-Linie. Schon sein Urgroßvater Detlef von Holt (* 16.07.1736 Brunsbüttel), dieser war ein Sohn des Brunsbütteler Stammvaters Peter von Holt, hatte zur Schiffahrt gefunden, nachdem er zunächst von seiner am Neuen Kooges Hafen stehenden Kate seinen Lebensunterhalt ausschließlich aus dem Einkommen als Schuster bestritten hatte.

Er hatte, wohl wenn die Schusterei nicht genug abwarf, sich zunächst ein Zubrot als Arbeitsmann beim Be- und Entladen der den Hafen bevölkernden Segelschiffe verdient und den Schiffern bei den vielfältigen Arbeiten an ihren Elbewern und Lastkähnen geholfen. Von seinen Söhnen wurden drei Schiffer bzw. Seefahrer.

Während der älteste Sohn Peter am 23.07.1815 in der Mündung des Glückstädter Hafens ertrank und der zur See fahrende Sohn Henrich nach 1797 als verschollen galt, lebte der Sohn Johann (auch Jochen genannt) als Schiffer am Alten Hafen in Brunsbüttel, wo er eine Kate bewohnte.

Dieser Johann von Holt war der Großvater des späteren Lotsen Johann Friedrich von Holt. Er hatte mit seiner ebenfalls aus Brunsbüttel stammenden Ehefrau Christina Becker drei Söhne und eine Tochter, wovon der Sohn Peter Seefahrer wurde und Begründer der kräftig blühenden nordfriesischen Sippe der von Holdt (Hooge-Zweig) ist.

Der älteste und am 26.04.1794 geborene Sohn Detlef (er führte als ältester Sohn entsprechend einem in der Brunsbüttel-Linie geübten Brauch den Vornamen seines Großvaters väterlicherseits) wurde zunächst ebenfalls Schiffer und wohnte als junger Mann wohl nur kurze Zeit noch im Hause seiner Eltern am Alten Hafen in Brunsbüttel. Offenbar begleitete ihn seine junge Braut Telsche Maas, eine Tochter des Brunsbütteler Kornhändlers Johann Maas, bereits auf seinen Reisen, denn die beiden heirateten am 02.06.1816 in Neuhaus an der Oste.

Dieser Ort liegt nicht allzu weit von Brunsbüttel entfernt auf der anderen Seite der Elbe an der Oste eben oberhalb von deren Mündung. Über die Gründe, weshalb die jungen Leute - Telsche war knapp ein Jahr älter als Detlef - praktisch in Sichtweite ihrer Heimatortes heirateten, kann man nur spekulieren. Jedenfalls wurde schon sechs Wochen nach der Eheschließung der Sohn Johann Friedrich von Holt am 13.07.1816 in Brunsbüttel geboren. Das Kind erhielt den Namen Johann nach seinen Großvätern, welche auch die Paten des Täuflings waren, als dieser drei Tage nach der Geburt in der Jacobus-Kirche im Kirchort Brunsbüttel getauft wurde.

Jacobuskirche in Brunsbüttel
Jacobuskirche in Brunsbüttel, erbaut 1678

Danach orientierten sich die Eltern des kleinen Johann Friedrich von Holt mehr zur gegenüberliegenden Seite der Elbe. Der Vater wurde bei der Taufeintragung weiterer Geschwister des Johann Friedrich in den Jahren 1819 bzw. 1822 als Seefahrer bzw. Schiffer in Ritzebüttel/Döse (dem heutigen Cuxhaven) genannt. Wohnort war Cuxhaven.

Wohl im Jahre 1824 starb der Vater Detlef von Holt im Alter von 30 Jahren, denn bei der in Brunsbüttel vorgenommenen Taufe seines vierten Sohnes Detlef am 27.01.1825 wird er als schon verstorben bezeichnet ( Vater: weiland Schiffer Detlef von Holt in Cuxhaven). Die Umstände seines Todes konnten noch nicht erhellt, der Sterbeeintrag noch nicht aufgefunden werden.

Die junge Witwe Telsche hat danach mit ihren Kindern Johann Friedrich und dessen Geschwistern offensichtlich in Brunsbüttel gelebt. Dort starben ihre Söhne Detlef im Alter von elf Jahren am 10.10.1836 und der zweitälteste Sohn Peter Jacob im Alter von achtzehn Jahren am 30.06.1837.Entsprechend dem Hang seiner Vorfahren zur Schiffahrt und bedingt durch den Wohnort am Alten Hafen in Brunsbüttel war auch für den jungen Johann Friedrich von Holt dieser Berufsweg vorgezeichnet.

Er heiratete am 10.02.1839 in Brunsbüttel in der Jacobus- Kirche seine Braut Anna Wiebke von Hoorn, welche als am 27.09.1815 geborene Tochter der Eheleute Siem von Hoorn und Antje geb.Hinz ebenfalls Brunsbüttel als Geburtsort hatte. Das junge Ehepaar siedelte sich an seinem Heimatort am Neuen Kooges Hafen an.

Brunsbütteler Hafen

(Das jetzige Brunsbüttel hieß zunächst auch nach seiner Erhebung zur Stadt am 08.12.1948 Brunsbüttelkoog und führt erst seit dem in den 1960er Jahren erfolgten Zusammenschluß mit dem uralten und schon 1286 urkundlich bezeugten westlich davon gelegenen Kirchort Brunsbüttel, heute Brunsbüttel-Ort bezeichnet, den jetzigen Namen).

Dort nahmen die jungen Eheleute auch ihren Wohnsitz und hier wurde ihr erstes Kind, der Sohn Hinrich Detlef von Holt, am 25.09.1840 geboren. Doch schon bald danach siedelte die junge Familie nach Cuxhaven/Döse über, wo die Tochter Anna Margaretha von Holten am 15.09.1843 geboren wurde.

Der Grund für den Umzug wird gewesen sein, daß Johann Friedrich von Holt auf der in Cuxhaven stationierten Lotsgalliote "BERNARDUS" als Koch angeheuert hatte. Es versteht sich von selbst, daß ein als Koch auf einem derart kleinen Segler fahrender Seemann auch seemännische Arbeit zu verrichten hatte. So wundert es nicht, daß Johann Friedrich von Holt bei der Taufe seines am 16.08.1846 geborenen Sohnes Johann Peter von Holdt - dieser sollte schon kurz nach Vollendung seines zweiten Lebensjahres versterben - nicht mehr als Koch sondern als auf der genannten Lotsgalliote Dienst Leistender genannt wurde. Er scheint sich im Bereich des Seemännischen weiter vervollkommnet zu haben, denn schon beim Tod seines Sohnes Johann Peter am 20.09.1848 wird er als Lotse bezeichnet.

Bei der Taufe seines vierten Kindes, des am 10.05.1849 in Cuxhaven/Döse geborenen Ernst Nicolaus von Holdt ist er dann als Patentlotse angeführt. Als solcher wurde er Mitglied der LOTSENBRÜDERSCHAFT ELBE, in deren Aufstellung der seit 1835 eingestellten Lotsen er mit der Aufnahme vom 01.01.1853 aufgeführt ist. Die Lotsenbrüderschaften sind geschlossene Berufsverbände.

Von Cuxhaven aus hat Johann Friedrich von Holt als Lotse seinen Dienst versehen. Dieses war ganz gewiß angesichts der offenkundigen Gefährlichkeit des Berufs keine leichte Arbeit. Praktisch bei jedem Wetter mußte entweder weit draußen in der Elbmündung mit der dort kreuzenden oder auf dem Anker liegenden Lotsengalliote auf einkommende Schiffe gewartet werden. Oder es mußte in jedem Fall hier entweder vom Lotsenschiff zum den Lotsen anfordernden Schiff oder umgekehrt übergesetzt werden. Das war bei schwierigem Seegang nichts für schwache Nerven.

Der Mündungsberich der Elbe mit seinen Baljen, Rinnen, Dwarsgatten, Sänden und Untiefen war zu allen Zeiten ein schwieriges und nicht leicht zu befahrendes Seerevier.

Karte der Elbmündung
Die Elbmündung in früherer Zeit - ein Gewirr
von Sänden, Rinnen und Quergatten

Dunkelheit, Nebel, Eisgang und Sturm können die Situation gefährlich verschärfen. Die Lotsen brachten die auslaufenden Schiffe - zumeist wird es sich zur damaligen Zeit um Segler gehandelt haben - von der Höhe von Brunsbüttel bis zur Höhe des späteren Feuerschiffs ELBE 1, um hier auf die dort kreuzende Lotsgalliote umzusteigen und auf ein einkommendes Schiff zu warten. Schiffe die einen Lotsen benötigen, zeigten dieses in früherer Zeit durch optische oder akustische Signale an. Bis zum Aufkommen des Sprechfunks und praktisch bis in die heutige Zeit wurde wie folgt verfahren. Bei Tage wird entweder die National- bzw. Handelsflagge auf weißem Grund, oder die internationale Signalflagge G (rechteckige Flagge mit jeweils drei senkrechten gelben und blauen Streifen), oder die Flagge P, der bekannte Blaue Peter (rechteckige Flagge mit weißem Rechteck auf blauem Grund), über der Flagge T (rechteckige Flagge mit senkrechten Streifen rot, weiß, blau) gezeigt.

Nachts wird entweder ein Blaufeuer alle 15 Minuten abgebrannt, oder über der Reling wird in Zwischräumen von kurzer Dauer ein helles weißes Licht jeweils eine Minute lang gezeigt, oder es wird akustisch analog dem Flaggensignal das Zeichen "PT" (Strich Strich Punkt und Punkt Strich Strich Punkt Strich) mit dem Nebelhorn gegeben.

Mit seiner Frau Anna Wiebke geb.von Hoorn hatte Johann Friedrich von Holt mit dem am 22.09.1851 in Cuxhaven/Döse geborenen Sohn August Friedrich von Holdt und der ebendort 30.03.1855 geborenen Tochter Alwine Wilhelmine von Holt noch zwei weitere Kinder.

Ein Unglück sollte die Familie treffen, als die unverehelichte Tochter Anna Margaretha von Holten am 18.03.1866 im Hause ihrer Eltern in Cuxhaven/Döse im Kindbett verstarb; an diesem Tage wurde deren gleichnamige Tochter getauft.

Johann Friedrich von Holt war mit seinen 56 Jahren, von denen er sicherlich die meiste Zeit auf Schiffsplanken verbracht hatte, ein zu Recht Können und Erfahrung in die Waagschale einbringender Elblotse, als auch ihn sein Geschick ereilen sollte. Es war in den ersten Tagen des Monats Dezember des Jahres 1872 und der Nordseeraum wurde, der Jahreszeit entsprechend, beherrscht von einer Sturmwetterlage.

Von der ostenglischen und am Südufer des Humber-Trichters gelegenen Hafenstadt Grimsby kommend, hatte sich die in Rostock beheimatete Brigg MATADOR auf ihrer Reise nach Hamburg durch die aufgewühlte Nordsee bis zur Elbmündung vorangekämpft. Sicher war die Besatzung froh, bald in die Elbe einlaufen zu können und oberhalb Brunsbüttel ruhigere See erhoffen zu können. Nur noch den schwierigen und nicht ungefährlichen Bereich der Elbmündung galt es zu überwinden. Das sollte dem guten Schiff und seiner tüchtigen Besatzung mit Hilfe des erfahrenen Lotsen wohl gelingen - so wird man an Bord gedacht haben.
Die Brigg MATADOR war 1846 auf der Werft von J.Peters im mecklenburgischen Ribnitz, welches an der Einmündung des Flusses Recknitz in den Saaler Bodden gelegen ist, vom Stapel gelaufen. Eigner des Schiffes war zunächst Johann Neuendorf, der wie der ihm ab 1869 nachfolgende August Burchard aus Rostock stammte.

Als Kapitäne fuhren J.H.Kühl (1846 bis 1872) und Daniel Carl Kühl (1872) aus Wustrow. Vermutlich waren die beiden Kapitäne Kühl (Vater und Sohn?) Hauptanteilseigner des Schiffes, wie es damals üblich war. Das Schiff führte die Nummerflagge "M 89", zuletzt das Unterscheidungssignal MBQF. Die Brigg war zu 105 Commerzlasten vermessen und konnte 315 Tonnen laden. Die Besatzung bestand aus 10 Mann.

Am 09.12.1872 hatte die Brigg MATADOR vor der Elbmündung den Lotsen Johann Friedrich von Holt übernommen. Dieser hatte nun die Aufgabe, aufgrund seiner Ortskenntnisse den Kapitän neben navigatorischen Dingen auch bezüglich besonderer Eigenarten des Schiffverkehrs und geltender örtlicher Sonderbestimmungen zu beraten. Der Lotse übernimmt nämlich in seinem Lotsenbereich nicht die volle Verantwortlichkeit für die Schiffsführung, sondern fungiert lediglich als Berater des Kapitäns. Wie schon weiter vorstehend angeführt, herrschten in dem generell schwierigen Seegebiet wetterbedingt besonders widrige Verhältnisse. Was genau geschah, ist jedoch nie näher bekannt geworden. Die Brigg MATADOR ging auf den Sänden vor der Elbe zugrunde und riß ihre Besatzung und ihren Lotsen mit in den Untergang. Der Leichnahm des Lotsen wurde nie gefunden. Johann Friedrich von Holt gilt seit dem 09.12.1872 als verschollen. So weist es auch die Aufstellung der LOTSENBRÜDERSCHAFT ELBE mit dürren Angaben aus.

Anmerkung:

Die Nachnamen der angeführten Mitglieder der Sippe der von Holte habe ich so wiedergegeben, wie ich sie bei ihrer ersten amtlichen Nennung in den Kirchenbüchern geschrieben fand. Die Auskünfte über die Brigg MATADOR verdanke ich meinem Gewährsmann Hermann Karting, Itzehoe.

Peter J. von Holdt, Tungeln


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